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Wehmut

 

Irgendwie klappt das nicht so mit dem regelmäßig schreiben hier. Es gibt immer so viel anderes zu tun. Aber heute mal wieder. Ein schöner Samstag war das heute. Ich war mit der lieben Österreich-Kathi im Park beim Hongkou Football-Stadium im Norden von Shanghai und wir haben die Gassen ringsherum erkundet und viel geschlemmt, an jeder Ecke ungefähr. Dieser Park ist toll. Lotta ist auch in das Vergnügen gekommen. Er ist deswegen so toll, weil es da so laut ist und so chinesisch. Laut ist es, weil überall Karaoke gesungen oder bessergesagt geschrien wird: Da bringen Leute einfach riesige Anlagen mit, bauen sie da auf und dann wird gesungen. Laut, sehr laut und eine direkt neben der anderen, so dass sie noch lauter machen um sich gegenseitig zu übertönen. Heute war ganz hinten im Park sogar ein Blaskapelle mit Schlagzeug und allem, einfach so auf der Wiese im Park, zum Spaß. Und ein mittelaltes Paar hat spontan angefangen zu der Musik zu tanzen. Die Chinesen sind da so anders! Was die alles so machen im Park. Lauter Sachen für die man für verrückt erklärt werden würde, würde man sie in einem Park in Deutschland oder so tun. Sie laufen stundenlang rückwärts, stehen auf einem Fleck und streichen sich über den Kopf, hängen sich an Bäume um komische Bewegungen zu machen oder singen alleine laut rum. Und das alles ohne diesen Selbstdarsteller-Touch, den sowas in der westlichen Welt hätte. Die machen das einfach so für sich, weil sie Spaß dran haben. Das kann man sich glaub ich nicht vorstellen, wenn mans nicht gesehen hat. Wie so vieles hier.

Die Zeit hier mit meiner Lotta war eine herrliche Zeit. Wir haben es uns sehr gut gehen lassen. Haben lecker gespeist, viel angeschaut und waren dauernd im tollen Chinesen-Yes-Club tanzen. Und geschwätzt haben wir. Schön war das.

Ich will gar nicht dran denken, aber es ist so: In einem guten Monat werd ich hier tschüs sagen und zurück fliegen nach Deutschland. Zwei Wochen arbeite ich noch in der Schule und dann hab ich noch Zeit zum reisen und Shanghai genießen. Am 30.1. kommt die Mare und macht mit, juhuu!

Es ging mir noch nie so wie gerade, dass ich nicht wollte, dass die Zeit vergeht. Ich hatte immer die Einstellung, dass es immer irgendwie weitergeht und alles sich verändert und dass das gut ist, weil sich so Neues entwickeln kann, ich mit weiterentwickeln kann. Weiterentwickeln will ich mich immer noch, aber ich würde am liebsten die Zeit anhalten, damit ich nicht hier weg muss von meinen Kindern und der Arbeit in der Schule, von meinen wenigen aber sehr guten Freunden hier, von Shanghai, den Chinesen und meinem Leben hier. Mein Leben wird weitergehn, aber anders. Es ist so gut hier, sooooo gut. Ich bin glücklich. Glücklich wie ich weiß nicht wann, ich glaube wie noch nie. Einfach glücklich, entspannt und froh. Ich will nicht weg. In Deutschland wartet das Studium. Das nervt. Natürlich kann ich wieder mal irgendwann hierher kommen, aber dann wird alles anders sein. Shanghai verändert sich schon in zwei Wochen an einzelnen Stellen so, dass man sie nicht wiedererkennt und ich werde mich verändern. Diese Wehmut hilft nicht, ich weiß. Aber sie hindert mich auch nicht daran, die letzte Zeit hier zu genießen. Das tu ich nämlich sehr ausgiebig. Unter der Woche ist nicht viel Zeit für irgendwas anderes als arbeiten, essen, schwimmen und schlafen. Aber das macht nix, weil ich das alles genieße, vor allem die Arbeit in der Schule. Noch nie hat mir so eine tägliche verpflichtende Beschäftigung so viel Spaß gemacht. Das ist schön, aber warum muss es schon so bald vorbei sein? Wie ist es überhaupt möglich, dass ein halbes Jahr so schnell rumgeht? Das frag ich mich oft in letzter Zeit. Ein halbes Jahr, so voll mit Eindrücken und Erfahrungen, wie kann das einfach schwuppdiewupp schon fast vorbei sein?

Aber eigentlich wartet in Deutschland auch ein gutes Leben auf mich. Z.B. die Judith als zukünftige Mitbewohnerin in unsrer mir bis jetzt nur durch Fotos bekannten neuen Wohnung in Mannheim und natürlich alle meine anderen lieben Leute. Außerdem auch die Aussicht darauf nicht mehr ewig zu studieren. Und meine neue Freundin die Freiheit, die wird mich von Shanghai nach Mannheim begleiten, ich nehm sie mit.

Das einzig blöde am hiersein ist, dass ich meine geliebte Oma nicht noch mal sehen konnte und nicht bei meiner Familie sein kann um zusammen traurig zu sein. Das macht mich traurig und wütend, aber beamen geht halt nicht. Schade.

Vom Johannes hab ich mich getrennt. Komisch so auf die Entfernung, traurig, aber trotzdem richtig für mich.

Ich kann gar nicht so genau sagen was es ist, was hier so toll ist und mich so wehmütig werden lässt. Schon allein das Busfahren hier werd ich vermissen: Zwischen lauter Chinesen eingequetscht zu stehen, aus dem Fenster zu gucken und Shanghai zu sehen, diese total verschiedenen Ecken davon und dabei die schlechte und schöne Expo-Musik zu hören, die die Bus-Fernseher ständig spielen. Das herrliche und so günstige Essen werd ich vermissen, die Gassen mit dem alten heruntergekommenen kleinen Häuschen, in denen tatsächlich Menschen leben, die Unterhosen, die einem überall von Wäscheleinen herunter vor der Nase rumbaumeln, die riesigen Hochhäuser, die Hochstraßen, das Getummel und Gewimmel und das laute Gesinge in den Parks und die gleichzeitig herrschende friedliche und entspannte Atmosphäre, das nicht-bösgemeinte Hupen von Autos und Rollern, die billigen Taxis, meine Lieblings-Erdnuss-Süßigkeit, natürlich der Bobbel-Milchtee, die Kinder!!! Oje fast alles. Einfach das Gefühl von Shanghai. Eines werd ich allerdings nicht vermissen und das ist das Gerotze. Echt nicht so appetitlich und ich kann mich nicht drangewöhnen.

Ich bereue meine Entscheidung nicht noch länger hier zu bleiben. Ich weiß, das wird schon irgendwie Sinn machen, hoffentlich. Wenn ich dann wieder in Deutschland bin und das sehen kann. Aber grad kann ich`s nicht sehen. Grad will ich nur hierbleiben. Aber man soll ja gehen, wenn`s am schönsten ist! Was für ein blöder Spruch, da konnte ich mich eh noch nie dran halten und wer will das schon? Also ich nicht. Aber naja, jetzt muss ich wohl. Wird schon gut sein. Und ich verlier ja nix. Ich nehm ganz viel mit. Ein tröstlicher Gedanke.

Ich mach einfach weiter mit dem Genießen, das ist ein guter Plan!

1 Kommentar 16.1.10 17:01, kommentieren



Zusatz

Eigentlich fehlt noch was, und zwar dass ich nicht nur so glücklich war in der letzten Woche. Weil nämlich meine Oma gestorben ist und ich gar nicht tschüs sagen konnte und kann von hier aus und das irgendwie so fern und doch so nah ist und ... schwierig.

1 Kommentar 16.1.10 17:10, kommentieren